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10 Jahre Deserteursdenkmal am 24.11.2025

 

Würdigung Ludwig Baumanns anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Deserteurdenkmals am 24.11.2025

Initiative „Sedanstraße umbenennen!“

Die Wehrpflicht soll die Gesellschaft zu Untertanen erziehen, die öffentliche Würdigung von Deserteuren „erzieht“ dagegen zu Zivilcourage und Solidarität. Wir arbeiten deshalb seit 2020 daran, die Sedanstraße in Eimsbüttel nach Ludwig Baumann umzubenennen, dem Wehrmachtsdeserteur, der maßgeblich für die Aufhebung der Unrechtsurteile der NS-Militärjustiz und für die Errichtung dieses Deserteurdenkmals verantwortlich war.

In seiner Biographie stellte Ludwig Baumann 2014 fest: „Die Mächtigen dieser Welt fürchten uns Deserteure, Abweichler, weil wir ihre Absichten durchkreuzen.“ Lernen wir also von Ludwig Baumann, wie wir die Mächtigen dieser Welt in ihrer berechtigten Angst bekräftigen.

Ludwig Baumann desertierte im Juni 1942 mit Hilfe von Freunden aus der französischen Résistance, die er über seinen Zwangsdienst in der Hafenkompanie der Wehrmacht in Bordeaux kennengelernt hatte.

Dem rasse-ideologischen Schulunterricht und der nationalistischen Propaganda war es nicht gelungen, ihm die Überzeugung von der Gleichheit der Menschen und die Empathie auszutreiben. „Ende November [1941] stand die Wehrmacht vor Moskau – durchs Fernrohr konnte man die Türme des Kreml sehen! In nur fünf Monaten war die Wehrmacht durchmarschiert. Auch unsere französischen Hafenfreunde waren nun sicher, dass Hitler gewinnen würde. Selbst wenn das keiner wollte. Aber dann kam dieser extrem kalte Winter an der Ostfront, mit minus 35 Grad – da erfroren viele deutsche Soldaten, deshalb liefen in der Heimat Kleidersammlungen, aber eben nur für unsere Soldaten. Da haben Kurt und ich uns gefragt: Was ist denn mit den russischen Gefangenen, die jetzt mit leichten Klamotten auf freiem Feld zu Millionen ausharren? Die müssen ja alle erfrieren und verhungern! … In uns reifte der Entschluss: Diesen Krieg, diese Verbrechen wollen wir nicht mitmachen. Wir wollen keine Leute umbringen. Wir wollen ganz einfach leben.“

Gegen die zutiefst brutale, primitive Umgebung der Wehrmacht, in die sie beide gezwungen worden waren, erkannten und befürworteten Kurt Oldenburg und Ludwig Baumann einander in der Ablehnung des Tötens und in der Lebensfreude. „Kurt und ich kannten diesen Soldatenspruch: ‚Wer den Tod in Ehren fürchtet, stirbt in Schande.‘ Aber er hatte nichts mit uns zu tun. … Wir waren beide 20 und hatten wochenlang immer wieder darüber gesprochen – wie das laufen sollte, mit der Fahnenflucht.“

Ludwig Baumann wird zum Tode verurteilt und nach zehn Monaten in der Todeszelle begnadigt. Zur „Bewährung“ wird er an die Ostfront geschickt, mit einer Zwischenstation im Wehrmachtsgefängnis Torgau. Dort lernt Ludwig Baumann 1943 im Lazarett Johann Lukaschitz kennen, in langen Gesprächen entsteht zwischen den beiden eine Freundschaft. „Ich habe noch heute [Kurts] kleines Porträtbild im Portemonnaie. Und auch das von Johann. Den habe ich sehr bewundert – ein feiner, stiller, humaner Mensch. … Nach der Schlacht bei Kursk, im Juli 1943, war in seiner Sturmpanzer-Abteilung eines Nachts mit viel Schnaps und Leichtsinn ein Soldatenrat ausgerufen worden – im Gefechtsbunker wurde russische Musik gespielt und ‚Brüder zur Sonne, zur Freiheit‘ gesungen. Dann gingen auch noch Hitler-Bilder zu Bruch. … Der Johann hatte bei der Aktion gar nicht mitgemacht, wurde aber von Militärrichter Werner Lueben dennoch zum Tod verurteilt: ‚Wegen Nichtanzeige eines geplanten Kriegs- und Hochverrats. Wegen Nichtanzeige seiner Kameraden! Als ich Johann zum letzten Mal sah, sagte er zum Abschied ganz leise und verzweifelt: ‚Nie wieder Krieg!‘“ Von dieser Begegnung lässt Ludwig Baumann sich tief bewegen. Den Beginn seiner Arbeit in der Friedensbewegung – 36 Jahre später – schildert er in seiner Biographie wie folgt: „Das Jahresende [1979] ließ mich dann vollends aufwachen – als die NATO beschloss, Pershing-Raketen und Marschflugkörper in Deutschland zu stationieren. … Vom begrenzten Schlachtfeld Europa war die Rede. Nicht noch einmal. Nie wieder, Johann!“

Nach einer Schussverletzung kam Ludwig Baumann ins Lazarett im tschechischen Brünn. Dort half ihm ein Arzt stillschweigend, indem er die Wundheilung verzögerte und so verhinderte, dass er zurück an die Front geschickt wurde. Noch am 1. Mai 1945 wird Brünn zur um jeden Preis zu verteidigenden Festung erklärt. Bei einer Nachtwache bricht Ludwig Baumann einen Schreibtisch auf und stempelt 20 Blanko-Marschbefehle ab, für sich und andere Männer im Lazarett. Er verlässt sich ohne Gewissheit auf die geteilte Kriegsablehnung und rettet damit Leben. „Die Front rückte näher, und wenn man in diesem Chaos mit den fliegenden, tödlichen Standgerichten so einen Marschbefehl in der Tasche hatte, war das unbezahlbar. Feldmarschall Schörner hat in diesen letzten Tagen noch sehr viele Deserteure aufhängen lassen. Die übrigen Dokumente habe ich an die anderen verteilt, was im Grunde ein Wahnsinn war, da hätte nur einer Meldung machen müssen…“ Anders als 100.000 in Lagern und Strafbataillonen umgekommene sowie 23.000 durch Urteile der Wehrmachtsjustiz hingerichtete Deserteure überlebte Ludwig Baumann so den Krieg.

Heute haben wir es durch die Aufrüstung und angedrohte Wiedereinführung der Wehrpflicht erneut mit dem Versuch einer kriegerischen Antwort auf die globale Krise des Kapitalismus zu tun. Insbesondere die NATO-Staaten versuchen, ihre bröckelnde Vormacht aufrechtzuhalten und alle Ansätze einer multipolaren, egalitären Weltordnung zu unterbinden. Bisher will dafür trotz aller Werbe-Anstrengungen, Beschönigungen, finanziellen Anreize und moralischen Drohkulissen kaum jemand in der Bundeswehr „dienen“, schon gar nicht die von einer möglichen Wehrpflicht betroffenen Jahrgänge. Gleichzeitig messen sich noch zu wenige Menschen – jeden Alters – bei, die eigene Ablehnung der Gewalt als verallgemeinerbare Position öffentlich zu vertreten.

Die Haltung Ludwig Baumanns, auf die Freundschaft und Solidarität mit seinen Mitmenschen unter keinen Umständen zu verzichten, das Erkennen der Mitmenschen als Bedürfnis, ist hoch aktuell um heute die Führung von Kriegen unmöglich zu machen. Von Ludwig Baumann können wir nicht zuletzt im Kampf gegen die kulturellen Gebote lernen, mit denen die Bevölkerung auch heute wieder dazu getrieben werden soll, sich für den Krieg missbrauchen zu lassen.

Gegen nationalistische Kriegslegitimationen, ob die in diesem Klotz eingemeißelte oder die heutige von der Verteidigung „unserer Werte“, lehrt Ludwig Baumann das Selbstverständnis als Teil der Mehrheit, die kein Interesse an Kriegen hat. So 1988 anlässlich der Proteste gegen Weltbank und IWF in Berlin: „Unser Protest richtet sich gegen den Kapitalismus und seine lebensvernichtenden Folgen. Wir fordern nicht nur einen Schuldenerlass, sondern darüber hinaus eine Wiedergutmachung für die jahrhundertelange Ausbeutung. Wir sind 80.000 – Linke, Pazifisten, Christen – und ziehen über den Kurfürstendamm zum ICC, dem Kongresszentrum.“

Gegen die entfremdeten Geschlechterrollen, wie sie US-Kriegsminister Pete Hegseth für den knallharten Typus soldatischer Männlichkeit in den Worten „Du tötest Menschen und zerstörst Dinge für deinen Lebensunterhalt.“ offen charakterisiert lehrt Ludwig Baumann die Sympathie und Anteilnahme. „Es gibt keine gute Armee. Soldaten wurden immer dazu missbraucht, alles zu zerstören: das fremde Land, das eigene Land und sich selber. Und nie konnte einer hinterher sagen, was der, den er tötete, ihm denn eigentlich getan hatte. Daher bin ich auch heute noch davon überzeugt: Man kann nichts Besseres tun, als auch in Zukunft den Krieg – und zwar jeden Krieg – zu verraten!“

Gegen die offenkundige und schleichende Degradierung, die für die Einwilligung in militärische Hierarchie, abgestumpften Befehl und Gehorsam erforderlich ist, lehrt Ludwig Baumann die Aufmüpfigkeit – ob bei der Sabotage im Reichsarbeitsdienst oder durch die Verweigerung gegen Willkür und Schikane in seiner militärischen Ausbildung: „Meine Grundausbildung [1941] war in Belgien, gleich am ersten Tag eckte ich an, weil ich mich weigerte, die Stiefel und Koppeln der Unteroffiziere zu putzen. Da haben sie mich schikaniert – Liegestütze, durch den Schlamm robben, Strafwachen. Ich habe mich aber weiter gesperrt – ich war nicht mehr der brave Junge. Ich hätte es leichter haben können, aber ich wollte mich nicht einfügen, es ging einfach nicht. Ich wollte kein Laufbursche sein und ich denke, es ging mir schon da um meine Würde.“

Die Mächtigen dieser Welt fürchten, dass sich die im Krieg gegeneinander gehetzten Subalternen verbrüdern. Diese Verbrüderung massenhaft hervorzubringen ist der Schlüssel zur Verwirklichung umfassend menschenwürdiger Verhältnisse auf dem längst möglichen Niveau – auch entgegen der Inkonkurrenzsetzung der Subalternen im neoliberalen Gang und Gäbe. Mit Ludwig Baumann: „Ich möchte die jungen Leute aufrufen, sich zu verweigern, wenn sie spüren, dass es einer schlechten Sache dient. Auch im zivilen und im Wirtschaftsleben kann man um seine Würde kämpfen, Courage zeigen, widerständig sein.“

Dafür sind alle Normen der Konkurrenz zu überwinden. Nie wieder Krieg!